Brautkleid zu verschenken: Interview mit Maike Hempel

Maike Hempel Brautkleid zu verschenken | © Frank Hempel

© Frank Hempel

„Brautkleid zu verschenken“, der neue Roman von Maike Hempel, ist mein Tipp für den Herbst 2015: Lotte, das erfolgsverwöhnte Model, wird auf der Überholspur böse ausgebremst und flüchtet sich nach Usedom, wo ihr Leben eine ganz neue Wendung nimmt.

 

Gaby Hoffmann: Lotte räumt im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Vorurteil, Models wären extravagant und stutenbissig, auf. Während sie in Latzhose und Schlabbershirt den Wischmopp in fremden Häusern schwingt, kriegt sie endlich den Kopf frei. Sei ehrlich, Maike, hat Putzen auf dich auch so eine therapeutische Wirkung?

Maike Hempel: Du wirst lachen, das ist wirklich so! Ich habe bei einer Freundin auf Mallorca, die dort die Ferienhäuser ihrer Kunden “in Schuss” hält, ausgeholfen, nachdem wir schon wieder in Deutschland waren. Dieser “Putzurlaub” hat meine Einstellung zu diesem Thema völlig verändert. Meine Freundin liebt ihren Job nämlich und findet nichts schöner, als die Häuser tipptopp zu hinterlassen. Seitdem putze auch ich gerne und staune, wie gut man dabei denken kann.

Gaby Hoffmann: Diese Frage musste kommen: Maike, deine schriftstellerische Heimat ist doch eigentlich Mallorca (siehe z. B. Maike Hempels Bestseller “Mallorca – Hin und nicht zurück”), wieso hat es dich diesmal nach Usedom verschlagen?

Maike Hempel: Ach, vielleicht, weil ich Mallorca nie so ganz losgelassen habe, Usedom aber auch ganz toll finde. Also habe ich gedacht “denk dich mal woanders hin”, dann musst du nicht wieder unter Heimweh leiden. Außerdem finde ich es auch ganz schön, wenn Geschichten mal in Deutschland und nicht in Spanien, Neuseeland oder in den USA spielen.

Gaby Hoffmann: Ben ist ein Bild von einem Mann und hat vieles, was Frau sich wünscht. Oma Fienchen ist ein Knüller, Tante Hennie weiß, wo es langgeht, und Onkel Henner ist beinahe zum Knuddeln. Auch die Schwester Nina samt Anhang ist unbedingt liebenswert. Hast du Lotte extra nebst bester Freundin Nora solche netten Figuren geschickt?

Maike Hempel | © Frank Hempel

© Frank Hempel

Maike Hempel: “Schreib, was du kennst, dann findest du auch die richtigen Worte”, sagt meine beste Freundin immer.
Meine Großmutter kam aus Stralsund und liebte Usedom. Auch sie war der klassische Fall von “raue Schale, weicher Kern”. Somit musste ich Fienchen schon mal nicht erfinden, die kannte ich ja bereits. Und bei dem Pech, das meine Protagonistin hatte, dachte ich, ein wenig Herzenswärme kann sicher nicht schaden. Zumal ich mir darüber bewusst bin, dass das Thema des Romans auch sehr speziell ist und für die Betroffenen der Horror sein muss.

Gaby Hoffmann: Familie und Freundschaften spielen hier eine wichtige Rolle. Sind das Werte, die für dich persönlich ganz oben rangieren?

Maike Hempel: Mir gefällt an der Familie auf Usedom, dass sie das Leben nehmen, wie das Leben kommt. Dort wird nicht gewertet und mit Vorwürfen sorgsam umgegangen. Das ist das, was für mich eine Familie (Eltern/Großeltern/Geschwister) ausmacht. Dass man angenommen wird, wie man ist, sich nicht verbiegen und verdrehen oder rechtfertigen muss, sondern aufgefangen wird. Genauso wie das auch bei guten Freunden der Fall sein sollte.

Gaby Hoffmann: Was Lotte so durchmachen muss, wünscht man nicht mal seiner Erzfeindin – verraten wird natürlich noch nichts. Aber wie bist du auf diese Ideen gekommen?

Maike Hempel: Soll ich das jetzt zugeben? Ich tue es einfach. Was könnte meinem vom Erfolg verwöhnten Model passieren, dass sie eine komplette Wandlung durchlebt? Tja, ich war am Badputzen, das muss ja auch mal sein, als mir die Idee kam. Und danach bin ich an den Rechner gegangen und habe losgelegt.

Gaby Hoffmann: In deinen Büchern kann man förmlich in die Landschaft eintauchen. Hast du ein fotografisches Gedächtnis, weil du so eindrucksvoll beschreiben kannst?

Maike Hempel: Das habe ich wirklich geübt, weil ich es so wichtig finde. Ich liebe Bücher, die in bestimmten Regionen spielen, und wenn ich später selbst dorthin komme, fühlt es sich an wie ein Déjà-vu. Alles ist so vertraut, als wäre man schon mal dort gewesen; dabei war es nur eine Geschichte in einem Buch. Aber wenn es ein gutes Buch ist, hält es mich ein Stück weit gefangen. Wenn ich es geschafft haben sollte, genau das zu erreichen, freut mich das sehr.

Gaby Hoffmann: Fließen die Geschichten bei dir oder sitzt du manchmal Gehirnzellen knautschend und Hände ringend da, weil es einfach nicht weiter geht?

Maike Hempel: Wenn ich ins Stocken gerate, verlasse ich den Schreibtisch und gehe eine Runde Fahrradfahren oder Laufen. Auf jeden Fall unterbreche ich meine Arbeit, um Abstand zu gewinnen. Meistens geht es danach direkt weiter, auch wenn man im Eifer des Gefechts einen Haken geschlagen hat. Im schlechtesten Fall hat man sich in seiner eigenen Geschichte verlaufen und löscht einige Seiten. Im besten Fall lerne ich aber genau dann Menschen kennen, die ich ursprünglich nicht vorgesehen hatte, die aber gut reinpassen. Das ist auch sehr spannend.

Das Interview führte Gaby Hoffmann im Oktober 2015. “Brautkleid zu verschenken” wurde durch die Media-Agentur Gaby Hoffmann lektoriert. Die Rechte an den verwendeten Fotos liegen bei Maike Hempel. Mehr über Maike und ihre Bücher erfahren Sie auf ihrer Webseite unter maike-hempel.de.