Es ist angerichtet!

Cover | Weder süß noch sauer | Halloween-Geschichten| Media-Agentur Gaby HoffmannWir sind megastolz! Das Ergebnis unseres Schreibaufrufs zum Thema „Halloween“ kann sich sehen und vor allem lesen lassen! „Weder süß noch sauer“, eine Anthologie mit 18 Storys, ist jetzt bei Amazon (Partnerlink zum Buch bei Amazon, Leseprobe unter „Blick ins Buch“) erschienen. Hier treiben Hexen, Dämonen, Untote, Stalker, Zootiere und jede Menge angeblich Normalsterbliche ihr Unwesen. Grusel, Blut, Liebe, Humor und Spannung sind inbegriffen – wie es sich gehört. Die perfekte Lektüre für dunkle Herbstabende im Kerzenschein.

Wir danken an dieser Stelle allen Autorinnen und Autoren, Bloggerinnen und Bloggern, die uns so herrliche Geschichten geschrieben haben, und wünschen Ihnen und euch viel Spaß beim Lesen.

Selbstverständlich freuen wir uns über Buchbesprechungen. Das Cover (anklicken macht groß) darf zu diesen Zwecken heruntergeladen und weiterverwendet werden.

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Ausschreibung: Wir suchen Halloween-Geschichten für eine Anthologie!

Ausschreibung Halloween-Geschichten| Media-Agentur Gaby Hoffmann

 

Wer hat noch gruselige Storys in der Schublade oder schreibt uns spontan etwas? Wir sind gerade dabei, eine Anthologie zum Thema „Halloween“ zusammenzustellen, die zunächst in einer Gratisaktion auf Amazon veröffentlicht werden soll und später eine Mindestpreisbindung erhält. Das ist eine super Chance, die eigenen Geschichten einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Selbstverständlich wird jede/r Autor/in mit seinem gewünschten Namen und Website (falls ihr zum Beispiel einen Blog betreibt und inkognito bleiben wollt) im E-Book verlinkt, sodass auch eure Webpräsenz auf diese Weise Aufmerksamkeit erfährt.

Ein Honorar gibt es nicht, ihr schreibt für die Ehre, macht aber eure Storys, euren Namen und/oder eure Webseite publik. Kramt also schnell eure Schubladen durch, sichtet eure Dateien und durchforstet eure Köpfe. Das Genre ist egal – wir freuen uns über alles, was zu Halloween passt. Einzige Bedingung: Die Geschichte sollte rund 5 bis 12 Normseiten (ca. 9.000 bis 21.600 Zeichen inklusive Leerzeichen) umfassen und ihr müsst die Rechte daran besitzen (und über 18 sein). Einsendeschluss ist Donnerstag, der 10. Oktober 2019, 23:59 Uhr.

Wir behalten uns vor, eine Auswahl zu treffen. Die Rechte verbleiben bei den jeweiligen Autoren, ein Anspruch auf Honorar besteht nicht. Texte, die gegen die guten Sitten oder sonst gegen geltendes Recht verstoßen (insbesondere Urheber-, Marken- und Namensrechte Dritter), die strafrechtlich relevante Inhalte enthalten oder Persönlichkeitsrechte Dritter verletzen, sind ausgeschlossen.

Sendet eure Story mit einem Satz zu euch als Word-Datei an: einsendungen@profi-lektorat.com

Gaby Hoffmann
Inh. Media-Agentur Gaby Hoffmann, www.profi-lektorat.com

 
Bildquelle: Bild von Myriam Zilles auf Pixabay

Oliver Wälde: Das Versprechen

Walter Vogt war ein notorischer Lügner und Betrüger. Aus diesem Grund verlor er immer wieder seinen Job, geriet mit den Behörden, Restaurantbesitzern und anderen in Schwierigkeiten. Auch seine geliebte Frau Sarah belog er ständig, ebenso wie seine anbetungswürdige Tochter Miranda, ohne dass er es eigentlich wollte. Nach einem sehr heftigen Streit mit seiner Gattin – wobei er aus der gemeinsamen Wohnung verbannt wurde – versuchte er zwei Wochen später, den Geburtstag seiner Tochter dafür zu nutzen, seine Gemahlin zurückzugewinnen. Er würde sich ändern, ja, das würde er … ganz bestimmt! Dachte er von sich selbst so sehr überzogen, dass für ihn nicht der geringste Zweifel bestand. Zuerst musste er jedoch noch ein Geschenk für Miranda besorgen, und so begab er sich in das beste Kaufhaus der Stadt, um ein würdiges Präsent für sie zu finden. Als er eine passende Aufmerksamkeit entdeckte, steckte er sie mangels Geldscheinen und Münzen unter seinen braunen Pullover. Schließlich wurde hier jeden Tag gestohlen. Und wenn er den örtlichen Nachrichten glauben schenken konnte, geschah dies zurzeit im großen Stil – die Rede war gar von einer Serie! Walter schmunzelte und sah sich danach noch ein bisschen um, als auch schon zwei Sicherheitsleute um die Ecke auf ihn zueilten.
   „Kaufhausdetektiv Meiler, ich muss Sie bitten, mitzukommen!“
   Walter Vogt zuckte zusammen und drehte sich ruckartig um. „Wie … äh was meinen Sie?“, stammelte er ertappt, als ihn auch schon der etwas kurz geratene Kollege von Meiler am Arm ergriff.
   „Wir möchten nur einige Blicke in Ihre Taschen werfen! Sie haben durchaus das Recht, dies zu verweigern, doch dann sind wir gezwungen, umgehend die Polizei zu rufen“, brummte Meilers Kollege monoton.
   Da schon einige Leute neugierig stehen blieben, gab Walter nach und ließ sich von den beiden Detektiven in ihr Büro über dem Einkaufszentrum bringen.
   Dort leerten sie seine Taschen, was nicht den gewünschten Erfolg für die Detektive brachte. Hernach forderten sie ihn auf, seinen Pullover hochzuziehen, worauf eine edle Barbiepuppe auf den Boden fiel. Die beiden Detektive schauten sich an und meinten synchron grinsend zum ertappten Dieb: „Mmmhh …, nun müssen wir doch noch Harry und Hans von der Kripo rufen, Volltreffer! Die werden sich bestimmt freuen“, lachten sie den unglücklichen Langfinger aus.
   Nach kurzer Zeit trafen zwei Beamte der Kripo ein und nahmen Walter Vogt fest. Auf dem Präsidium vernahmen sie ihn und setzten ein Protokoll auf. Während des Verhörs tauchten weitere Gegenstände auf – hauptsächlich elektronische, die er auch noch gestohlen haben sollte. „Wo haben Sie das Geld, das aus dem Verkauf der DVD-Player herausgesprungen ist? Haben Sie es bereits ausgegeben?“, fragte Meiler in ernstem Tonfall. Dabei grinste er seinen Kollegen an, und ein subtiles Lachen umspielte ihrer beider Lippen.
   Walter Vogt ließ es einfach über sich ergehen – nickte nur, und dachte dabei an seine Tochter und seine Frau, die er so sehr liebte und wahrscheinlich verlieren würde. Am Ende des mehrstündigen Verhörs unterschrieb er gedankenlos das Protokoll, und sie entließen ihn schon fast höflich aus der U-Haft.
   Erst wusste er nicht, was er tun sollte, und so entschied er sich, seinen ursprünglichen Plan weiterzuverfolgen. Er trat niedergeschlagen den Heimweg an. Seine Gedanken fuhren Karussell. Schließlich musste er die Puppe zurückgeben und hatte nun kein Geschenk. Er wollte seine Ehe retten und richtete sie stattdessen zugrunde. Immer mehr in seiner Welt gefangen, bemerkte er nur am Rande, dass ihn die Leute, an denen er vorbeikam, mitfühlend grüßten und tuschelnd weitergingen.

Als er etwas später die Wohnungstür öffnete, trat ihm der örtlich ansässige Pfarrer entgegen. Walter blieb verdutzt im Türrahmen stehen und glotzte den Kirchenmann mit großen Augen an, dachte erst gar, sich in der Wohnungstür geirrt zu haben. Sein Magen zog sich gewaltsam zusammen und löste einen heftigen Schmerz, wie selten in seinem Leben, aus.
   „Ihre Frau“, stockte der Geistliche, „sie bat mich, mit Ihnen zu reden, falls Sie kommen würden“, er deutete mit einer raschelnden Bewegung an, dass er jedoch erst einmal eintreten sollte, dabei entblößte er unsicher seine weißen Zähne.
   Walter trat zögerlich ein und schloss die Tür hinter sich.
   Nachdem sie sich im Wohnzimmer auf die cremefarbene Couch gesetzt hatten, begann der Pfarrer nach den richtigen Worten zu suchen: „Ihre Frau ist sterbenskrank, Herr Vogt!“, dabei schaffte er es nicht, ihn anzusehen. „Sie hoffte inständig, die Krankheit im Geheimen überwinden zu können, ohne Sie oder Ihre Tochter damit zu quälen!“ Der Diener Gottes blickte unsicher hoch, direkt in die Augen des sichtlich verwirrten Ehemannes.
   „Wo ist Miranda? Und wo ist meine Frau …? Was ist hier verdammt noch mal los?“, brach es aus ihm hervor.
   Gerade als ihm der Priester antworten wollte, trat der Hausarzt von Frau Vogt, Doktor Kündig, aus dem Schlafzimmer und nickte dem Ehemann schweigend zu, der sich sofort erhob und Richtung Zimmer bewegte.
   Der Kirchenmann blieb sitzen und starrte dem Mann nach. Auf seinem Gesicht war deutliches Mitleid zu erkennen, während sich seine Lippen zu einem nicht laut gesprochenen Gebet bewegten.
   Walter betrat eilends sein Schlafgemach, das er wegen des Streites schon länger nicht mehr gesehen hatte. Er schloss leise die Tür hinter sich und trat rasch ans Bett. Die Luft des Zimmers roch abgestanden, doch er getraute sich nicht, das Fenster zu öffnen. Seine Frau schlief ruhig und scheinbar zufrieden. Vor dem Bett ging er auf die Knie und starrte in ihr eingefallenes Gesicht – da wusste er aus unerfindlichem Grund, dass sie bald sterben würde! In diesem Augenblick zerbarst sein zugemauertes Herz, seine Traumwelt, und er wurde in die brutale Wirklichkeit geschleudert. Lange versiegte Tränen rannen ihm von der Wange und tropften in einem raschen Rhythmus leise auf das weiße Laken. „Bitte“, schluchzte er plötzlich in die Stille hinein, „bitte, du darfst nicht sterben …! Du darfst Miranda und mich nicht alleine in dieser Welt zurücklassen!“, er schloss müde von den vergangenen Strapazen die Lider und wisperte kaum verständlich: „Ich … ich komme so schon nicht mit dem Leben zurecht – ohne dich, ohne dich … Ich werde alles tun, alles, was du willst, mein Engel! … Engelchen …!“, weinte er und legte seinen Kopf auf das von seinen Tränen feuchte Laken. „Vergib mir! Vergib mir meine Schuld, denn ich wusste nicht, was ich tat …!“
Nach einer Weile hob er seinen Kopf vom Laken, schluckte mehrmals schwer und blickte seine geliebte Frau an.
   Plötzlich schlugen ihre Lider auf, und sie starrte ihn mit glasklaren Augen an. Das helle Blau stach in seine verheulten kastanienbraunen Augen, und er wandte sich unter ihrem reinen Blick verlegen ab. „Lüge und betrüge nicht mehr!“, hauchte sie beinahe zärtlich. „Sei Miranda ein ehrlicher … vorbildlicher Vater, Walter!“, ihre rechte Hand suchte die seine und ergriff sie. „Sprich ab nun die Wahrheit, sei es noch so schwer!“, ein kleiner Hustenreiz unterbrach sie, und er raffte sich auf und blickte sie jetzt geradewegs an. „Tu es für deine Tochter!“, lächelte sie schwach. „Es würde mich so wahnsinnig glücklich machen!“, sie nickte leicht und ließ seine Hand los. „Ja, das würde es, mein Liebster!“ Sie schloss ihre schwer werdenden Lider, während er sich über ihre knochige Gestalt beugte und sie sanft auf die immer noch sinnlich wirkenden Lippen küsste.
   „Ich verspreche es dir“, stammelte er kaum hörbar mit einem dicken Kloß im Hals, wie er ihn eigentlich nur aus Kindheitstagen kannte. Und als er sich einen Atemzug diesem längst vergangenen Gedanken hingab, starb seine Frau still und leise. Auf ihrem Gesicht hatte sich ein weiches Lächeln eingegraben, und er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass nun Gott für sie sorgen würde. Seine Tränen versiegten lange nicht. Er kniete einfach da und weinte still in sich hinein – entschuldigte sich für all die Dinge, die er nicht hätte tun sollen, wie für diejenigen, die er hätte tun sollen, aber nicht machte! Als er nicht mehr wusste, was er sagen sollte, stand er mit raschelnden Geräuschen, die von seinen Kleidern herrührten, auf und stellte sich vor seiner toten Frau kerzengerade hin. „Ich“, stammelte er, „ich werde ab nun ein ehrliches Leben führen!“, Entschlossen nickte er: „So verspreche ich es dir – jetzt und hier! Der liebe Gott soll mein Zeuge sein!“, Warme Tränen begleiteten seine kehligen, teils verschluckten Worte.
Nach einer langen Weile der stillen Trauer entschied Walter, zurück ins Wohnzimmer zu gehen, um dem Arzt und dem Pfarrer mitzuteilen, dass sie in den Himmel befohlen worden war.
   Gerade als er aus dem Zimmer trat, überkam ihn ein seltsames Gefühl, und um ihn herum wurde es schwarz. In weiter Ferne hörte er noch einen dumpfen Knall und spürte einen stechenden Schmerz, ehe er ganz von der Dunkelheit verschlungen wurde.

Als er wieder erwachte, fehlten ihm zwei volle Tage seines Lebens, und er lag in einem Krankenhausbett. Die Laken waren so weiß, wie jene, in denen seine geliebte Frau verstorben war – wofür er weitere zwei Tage brauchte, um es wirklich glauben und akzeptieren zu können. In dieser Zeit dachte er oft, seine Frau würde ihn jeden Moment besuchen kommen, und alles wäre nur ein böser Traum gewesen – sein Warten war vergebens. Auch seine Tochter besuchte ihn nicht, dafür aber der Geistliche. Er kam jeden Tag um dieselbe Zeit und brachte ihm eine Tafel Milchschokolade mit, die er neuerdings so mochte. Dabei unterhielten sie sich, und Walter erfuhr vom Priester, dass sich Miranda in der Obhut der Kirche befand. Sie sprachen auch über seine Frau Sarah und sein zwanghaftes Lügen. Walter berichtete dem Diener Gottes nach einigen Tagen von dem Versprechen, welches er seiner Frau vor ihrem Tod gegeben hatte. Dieser nickte und versicherte, ihm dabei zu helfen, wo er es vermochte.
   Nach acht langen Tagen wurde Walter Vogt aus dem Krankenhaus in eine ihm neue, befremdliche Welt entlassen. Draußen im Regen wartete der Geistliche mit Miranda auf ihn, die rufend die Arme ausbreitete. „Papa, Papa!“, kreischte sie freudig. Er rannte zu ihr und nahm sie in seine Arme und drückte sie – drückte sie so fest er nur konnte. „Oh mein kleiner Schatz, wie habe ich dich vermisst!“, er vergrub seinen Kopf in ihrem Nacken und roch ihren Duft – roch den Duft seiner Frau. Anschließend begrüßte er etwas unsicher den Pfarrer und bedankte sich bei ihm für die Hilfe.
   „Ach, das tue ich gerne!“, schmunzelte dieser herzlich zu Walter herüber, der seine geliebte Tochter fest im Arm hielt. „Wissen Sie, zu sehen, was ich gerade sehe – zu spüren, was ich gerade spüre – das ist meine Hilfe mehr als nur wert!“, er trat zu Walter hin und lud ihn zu einer Tasse Tee im Gasthaus gegenüber ein. „Der Tee dort ist wirklich vorzüglich!“
   So betraten sie einige Minuten später die Gaststätte.
   Im rustikalen Lokal saßen die beiden Detektive des Einkaufhauses mit den beiden Polizisten der Kripo am Stammtisch und grunzten laut kalauernd wie Schweine, ohne dass sie die neuen Gäste bemerkten.
   Walter blieb erstarrt stehen, während sich vor seinem inneren Auge abspielte, wie er die Puppe klauen wollte, sie ihn hernach aufforderten, mit ihnen zu gehen. Darauf die Polizisten kamen und ihn festnahmen. Er erinnerte sich nun daran, wie sie auch von elektronischer Ware sprachen, die er gestohlen habe sollte!
   „Was haben Sie?“, fragte der Priester leise und stupste Walter in die Seite, doch er spürte es nicht.
   Er stand einfach da und glotzte zum Stammtisch herüber. Seine Erinnerung zeigte ihm noch einmal die letzte Begegnung mit seiner Frau, erinnerte ihn an sein Versprechen. „Lüge und betrüge nicht mehr! Sprich ab nun die Wahrheit, sei es noch so schwer!“, hörte er ihre beinahe flüsternde Stimme in seinem Herzen mahnen.
   Walter zuckte ohne erkennbaren Grund zusammen, holte tief Luft und setzte sich in Bewegung. Den Geistlichen und Miranda ließ er einfach stehen. Er trat aufrecht an den Stammtisch heran und räusperte sich laut, dass die Männer am Tisch verstummten. Seine Hände waren feucht, und sein Herz dröhnte ihm in den Ohren. „An dem Tag, als ich die Puppe bei Ihnen im Kaufhaus stahl“, er nickte Meiler kaum merklich zu, „wurde meine Frau zu Gott befohlen.“ Walter blickte auch die anderen kurz eindringlich an.
   Die Männer schwiegen allesamt und stierten ihn nur mit gerunzelter Stirn an.
   „Deswegen begriff ich wohl nicht, dass Sie auf meine Kosten ihren Lebens-Standard aufbesserten!“, seine Augen schweiften in die Runde.
   „Was wollen Sie eigentlich, verschwinden Sie, oder hat Ihnen die U-Haft so gut gefallen?“, fuhr ihn Harry, der Dickere der beiden Polizisten an.
   Walter ließ sich davon nicht beeindrucken und erwiderte ihm ruhig, während der Priester und seine Tochter hinter ihn traten: „Ich will die Wahrheit, und sei es noch so schwer!“

(Shortstory  von Oliver Wälde, Bülach – Schweiz)

 


 

Alle Rechte der Texte verbleiben ausschließlich bei den Autoren. Eine Verbreitung, auch auszugsweise, ist – egal, in welcher Form – nur mit ausdrücklicher Genehmigung erlaubt.

Jaqueline Stone: Der lange Weg

Am gleichen Tag fand noch eine Unterhaltung mit August Redmann und August Rösler vom Betriebsrat statt.
August war ein Kollege, der in der Küche arbeitete. Ein sehr großer und schlanker Mann, der immer ein bisschen so aussah, als bekäme er trotz seiner Küchenarbeit nicht genügend zu essen. Sein hellblondes Haar und die helle, beinahe fahle Haut unterstrichen diesen Eindruck. Im Kollegium erfreute er sich auch nicht allzu starker Beliebtheit, seitdem er auf die Seite der Geschäftsführung gewechselt war.
Dieses Gespräch verlief für Jennifer unangenehm. Sie wurde aufgefordert, eine neue ärztliche Bescheinigung zu bringen, aber sie sollte darauf achten, was darin stünde. Bekäme sie das Prädikat „stark beschränkt“, so müsste August Redmann ihr kündigen, weil ihre Tätigkeiten mit Pflege verbunden wären. Die weitere Empfehlung lautete mal wieder: „Sie sollten in Rente gehen, und Ihre Krankheit ist Ihr persönliches Pech!“
Erst nach allen Vorwürfen fing Jennifer an, aufgebracht zu erzählen, dass in der Werkstatt seit Jahren gegen sie gearbeitet würde. „Andrea versucht, seitdem ich keine Toilettengänge mehr machen kann, mir das Leben schwer zu machen. Sie faselt in regelmäßigen Abständen von einer eingebildeten Krankheit, vom Faulsein, und ich soll den Arbeitsplatz räumen …“
August Redmann unterbrach Jennifer: „Ein Mensch in Ihrer Situation neigt dazu, alles schwerwiegender zu sehen, als es tatsächlich ist.“
Jennifer bekam das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, und versuchte weiter, die beiden Herren davon zu überzeugen: Es gäbe jemanden, der ihre Aussage bestätigen würde.
August Redmann riet Jennifer davon ab, mögliche Zeugen vorzuführen.
Nicht nur die Werkstattleitung und der Sozialdienst äußerten sich ohne Hemmungen und offen über Jennifers künftige Rente, auch Andrea legte ihre Zurückhaltung ab und verkündete immer öfter und lauter: „Wenn man krank ist, egal, ob man einen GdB von 50 oder 60 Prozent hat, sollte man in Rente gehen!“
Das reichte Jennifer, ihre Nerven machten nicht mehr mit. Es genügte nicht, dass ihre körperliche Verfassung in Mitleidenschaft gezogen wurde, man versuchte auch noch, ihre Psyche niederzustrecken.
Völlig aufgelöst, bat Jennifer darum, nach Hause gehen zu dürfen, da sie an diesem Tag nicht mehr in der Lage war, zu arbeiten.
Sie konnte es einfach nicht fassen: Ist das ein böser Traum?, dachte Jennifer, wie können Menschen, die mit Behinderten zusammen arbeiten und sozial positiv eingestellt sein sollten, sich so benehmen?
Am Tag darauf ließ sich Jennifer krankschreiben für weitere 14 Tage.
Auf das Echo von Seiten der Werkstatt musste sie nicht lange warten.
Am Tage darauf bekam sie eine Abmahnung nach Hause geschickt. Ihre Fassungslosigkeit war grenzenlos, für ihre Krankheit wurde Jennifer bestraft.
Unternehmen konnte sie nicht viel, aus dem Grund, da das Vertrauen in den Betriebsrat aus ihrer Einrichtung sehr beschränkt ausfiel, und so wandte sie sich an zwei Frauen, die auch zum Betriebsrat gehörten, Kerstin Tiede und Regine Hoffmann aus den Gieselwerder Werkstätten. Beide Damen arbeiteten in einer Schwesterwerkstatt, und Jennifer erhoffte sich ein wenig Unterstützung.
Nach telefonischer Absprache trafen sie sich, Jennifer berichtete im Detail über ihre Lage. Beide staunten ziemlich und sagten ihr Hilfe zu. Gemeinsam setzten sie ein Schreiben auf, in dem Jennifer um eine Anhörung in Gegenwart vom gesamten Betriebsrat und August Redmann bat.
In dieser Überzeugung fragte sie ihren Mann: „Kannst du bitte diesen Brief persönlich bei meiner Firma vorbeibringen. So umgehen wir den Postweg, Herr Redmann bekommt schneller meinen Brief auf den Tisch und ich rascher eine Antwort.“
„Das ist kein Problem, ich fahre sofort los.“
Da die Einrichtung kurz vor dem Urlaub stand, war es auch August Redmann wichtig, dieses Treffen schleunigst zu organisieren.
In kürzester Zeit erhielt Jennifer einen Termin und machte sich sehr aufgeregt zum genannten Zeitpunkt auf in die Werkstatt.
Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass zu dieser Betriebsratversammlung nur August Redmann, Kerstin Tiede und Regine Hoffmann erschienen waren.
Jennifer durfte ihren Chef in voller Fahrt erleben.
In seinem Büro herrschte eine schlechte Atmosphäre.
Beide Damen zeigten große Unsicherheit, und man konnte förmlich ihre Gedanken lesen: Was wird jetzt passieren?
Als sie alle Platz nahmen, merkte Jennifer, dass sie ironisch von August Redmann betrachtet wurde, und ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht.
Als Erstes wurde sie darüber mit Arroganz und Ironie in seiner Stimme informiert: „Dieses ist keine offizielle Betriebsratversammlung, Sie können sich, Frau Gerwin, nun alle Sorgen von der Seele sprechen.“
Jennifer staunte: „Ich bat doch um eine offizielle Anhörung.“
„Nein, das ist nicht der Fall.“
Auf Jennifers Frage, wer das Protokoll führen sollte, gab es bloß ein kurzes Schulterzucken.
Die beiden Damen wollten das anscheinend nicht tun, und der Werkstattleiter erklärte: „Wenn Sie darauf bestehen, werde ich das machen.“ Jeden einzelnen Satz von Jennifer unterbrach er daraufhin. Er behauptete: „Ich muss alles, was Sie sagen, korrigieren, damit dies der Wahrheit entspricht.“
Kerstin Tiede und Regine Hoffmann zeigten immer mehr Unsicherheit und Unwohlsein. Sie guckten sich gegenseitig an und glaubten nicht, was sie da hörten und sahen.
„Sie, Frau Gerwin, haben Ihre Kollegin Frau Gorges missbraucht, indem Sie Ihre Toilettengänge ihr übertragen haben und behaupteten, sie wäre dafür eingestellt worden.“
„Das stimmt alles, wir beide haben uns darüber unterhalten. Sie sagten doch selber zu mir, wenn ich das nicht kann, dann soll ich mich an Frau Gorges wenden, schließlich haben wir sie für pflegerische Tätigkeiten engagiert.“
„Passen Sie auf, was Sie da sagen, das ist eine Unterstellung. Wenn ich wollte, könnte ich Sie für diese Worte belangen. Auch in Bezug auf den Kollegen Lübbert, der nicht mehr bei uns arbeitet. Das ist ebenfalls eine Unterstellung, er hätte sie gemobbt.“
„Das ist keine Unterstellung, sondern das sind die Worte, die Herr Lübbert in einem Gespräch mir gegenüber benutzte, und danach bekam ich Probleme mit Ihnen, Herr Redmann.“
Die Luft in diesem Raum wurde immer dicker, die Gemüter immer erhitzter, und Jennifer bekam langsam Schwierigkeiten, ihre Tränen in Schach zu halten.
Aber das Allerschlimmste waren zwei Sätze, die August Redmann aussprach: „Sie drücken sich vor der Arbeit, und Sie erledigen nur die angenehmen, nicht aber die unangenehmen Aufgaben. Sie verpieseln sich dauernd aus der Gruppe.“
In diesem Moment wollte Jennifer sich das alles nicht länger gefallen lassen: „Dann müssen wir das durch ein Gericht klären lassen.“
August Redmann meinte nur lapidar: „Dann machen Sie das doch!“
Die beiden Damen saßen völlig versteinert da, und während der Dauer des ganzen Gesprächs sagten sie keinen Mucks. Sie waren einfach sprachlos.

(Auszug aus dem Mobbing-Tagebuch von Jaqueline Stone, Lübeck)

 


 

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Oliver Wälde: Verflucht und zugenäht

Ich kann nicht noch mehr Geld aus der Firmenkasse entwenden, Josè hat mich schon das zweite Mal gewarnt! Sein Sohn, Miguel, wird mir den Kopf abreißen und mich persönlich den Löwen zum Fraß vorwerfen – dieses Schwein! Sein Vater ist in Ordnung, aber Miguel? Dieser kleine … ich will doch nur spielen, noch ein Spiel, und alle Probleme würden sich in Luft auflösen. Was sind schon 300.000.00 Euro, verflucht noch mal! Doch anstatt mir eine letzte Chance zu geben, schicken sie Schläger hinter mir her. Ich muss eine Lösung für mein Problem finden, ich muss einfach. Friedrich blickte hoch und sah gehetzt hinter dem Steinhaufen hervor.
Er befand sich in einem Steinbruch nahe der Firma ART® Textilien GmbH und tigerte in seinem dreckigen Morgenmantel auf und ab. Passend dazu fuchtelte er mit seinen Händen umher und verwarf seine Gedanken mehrmals hintereinander. Wenn die mich hier finden, werden sie mich umnieten! Tonis Schlägertrupps sind berüchtigt dafür, vor nichts zurückzuschrecken. Ich bräuchte doch nur ein Spiel! Ein einziges, von Gott berührtes Spiel, verflucht! Ich bin Geschichte, die werden mich heute Nacht killen, die Wichser, diese … Gibt es denn keine Möglichkeit, diese Schläger zu bezahlen – ein Spiel, oh was täte ich nur für ein Spiel! Da hörte er ein Geräusch und schreckte hinter dem Steinhaufen hoch und blickte sich mit hektischen Bewegungen um, entdeckte aber niemanden. Scheiße, Scheiße … wie komme ich nur aus dieser Lage heraus … ich muss mir eine Lösung einfallen lassen, ich muss einfach!
Vor seinem geistigen Auge wurde noch einmal die vorangegangene Szene abgespielt – einzig der Ton fehlte, und das empfand Friedrich schon als zu viel! Er saß gemütlich in der Stube und holte sich die Zahlen des nächsten Pferderennens – suchte sich den geeignetsten Gaul aus, um auf ihn zu setzen – um zu spielen! Da klingelte es, er wusste das, weil sich das Ganze erst vor knapp einer Stunde zugetragen hatte.
Er öffnete, in Gedanken bei den Pferden, die Haustür – und da standen sie, die übergroßen Schläger von Toni. Sie grinsten dreckig, packten ihn unsanft und stießen ihn in die Wohnung zurück. Anschließend fragten sie ihn einige Male nach den 300.000.00 Euro. Als er ihnen eine faule Story nach der anderen auftischte, warfen sie den Guten kurzerhand aus dem Fenster.
Friedrich schüttelte den Kopf und glotzte abermals kurz hinter dem Steinhaufen hervor. Ich werde in die Firma gehen und mir das nötige Geld dort ausleihen. Eine andere Stimme wandte leise flüsternd ein: Du kannst nicht schon wieder die Kasse leeren. Josè hat dich schon zweimal gewarnt! Er kniff seine Augen zusammen und wischte sich das Nass von Gesicht. Ja, das hat er wohl, mein alter Schulfreund. Trotzdem, scheiß drauf! Schließlich wurde ich von drei Schlägern aus meinem Schlafzimmerfenster geworfen – dumm für sie, dass es nur der erste Stock war. Idioten – ihr wollt Geld, dann nehmt es doch, ihr verfluchten Idioten. Wenn diese Blödmänner mich erwischen, machen sie aus meinem alten Körper Hackfleisch. Diese verfluchten Analphabeten, diese…
In diesem Moment glaubte er, ein Geräusch wahrgenommen zu haben und schreckte erneut hoch. Reckte seinen Hals und überblickte den Steinhaufen nach allen Seiten – nichts! In der Firma befinden sich um diese Zeit mehrere Nachtwachen. Wie willst du sie überlisten, Fried? fragte eine Stimme aus der Tiefe seines psychischen Sumpfes. Ich … ich weiß es nicht, ich – was soll ich dann tun, hä?
Wieder tigerte er hinter dem Steinhaufen hin und her. Dabei duckte er sich alle paar Augenblicke, als würde ihm immerzu entfallen, dass er sich vor Schlägern in Acht neben musste. „Verdammt … ich!“, er fuhr sich hypernervös mit beiden Händen durchs schüttere Haar. In diesem Augenblick begann es überflüssigerweise auch noch zu regnen. „Scheiße, verfluchte, steht nicht einmal mehr Gott auf meiner Seite?“
Tränen vermischten sich mit dem Regen. Wie konnte ich nur so unachtsam sein … so blind? Er schlug seine flachen Hände vors Gesicht. Ich habe keine andere Wahl, als in die Firma zu gehen und den Nachttresor zu erleichtern! Ich, ich werde es Josè schon irgendwie erklären! Und die Nachtwachen – egal, ich bin der Chef der Buchhaltung, und Josè wird es auch ohne ihr Dazutun erfahren! Also, was ich auch versuche – ich habe die Arschkarte gezogen. Nun geht es darum, den Schadensfall in Grenzen zu halten. Oder? Oder etwa nicht?
„Oh, weh mir, was tue ich nur! Verdammt noch mal, wie komme ich aus dieser Sache nur wieder heil raus, wie, wie, wie, verflucht!“, jammerte er, während er mit der linken Hand durch sein schütteres, inzwischen feuchtes Haar fuhr. Dazu ging er zitternd in die Knie. Friedrich fror und hatte Angst! Ich könnte die Polizei einschalten, die müssen mich dann beschützen, nicht? Ich erzähle ihnen nur das, was für sie von Wichtigkeit ist, mehr nicht! Vielleicht tue ich denen damit ja einen Gefallen und, und …
Wieder ein Knacken, und er schoss aus der Hocke hoch und drehte seinen Kopf.
Und da kamen sie, die drei Schläger von Toni. Sie stapften durch den Regen auf ihn zu und grinsten ihn diabolisch an.
Was tue ich jetzt … ich muss wegrennen, mir einen Stock suchen, um mich zu wehren! Ich … oh, in was bin ich da nur hereingeraten!!! Lieber Gott, ich, ich … mach alles, was du willst! Ich tu’s ganz bestimmt, ich versprech’s dir hoch und heilig! Er schloss seine Augen. „Bitte lieber Gott hilf mir doch in meiner elenden Not …! Bitte, ich tue auch alles, was du von mir verlangst!“, wisperte er vor sich hin, als seine Ohren auch schon einen heransurrenden Gegenstand wahrnahmen.
Dann wurde es schwarz um Friedrich Brül.

(Auszug aus dem Roman von Oliver Wälde, Bülach – Schweiz)

 


 

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Despina Palaska: Der unbekannte Vater

Ich stand vor seinem Haus. Ich musste nur die Straße überqueren und klingeln. H örte sich eigentlich einfach an, aber meine Füße entwickelten in diesem Moment ein eigenes Leben und bewegten sich in die andere Richtung. Ich versuchte, sie zu kontrollieren, aber sie gehörten mir nicht mehr. Als ich vor einem kleinen Café stand, in sicherer Entfernung zu dem Haus, gewann ich wieder die Kontrolle über sie. „Na gut! Dann trinken wir zuerst einen Kaffee!“, sagte ich zu ihnen. Sie schienen keine Probleme damit zu haben, und so marschierte ich in das Café.

Ich bestellte einen Cappuccino mit viel Zimt und versuchte, krampfhaft zu verstehen, was da eben mit mir passierte. Ich war doch bereit, ihn zu treffen. Nach all den Jahren hatte ich den Mut gesammelt und die Kraft. Ich war hier angekommen. Nur um ihn zu sehen. Ich wollte schließlich wissen, wie mein eigener Vater aussah! Ich hatte doch alles so gut geplant! Ich würde zu ihm gehen, mich vorstellen, und dann würden wir miteinander sprechen. Perfekt! Warum hatten meine Füße dann rebelliert?

Du hast Angst“, sagte die Stimme in meinem Kopf laut. Meine Füße tun, was sie wollen. Ich höre Stimmen, ein Psychologe hätte bestimmt Spaß mit mir, dachte ich und trank meinen Kaffee. Ich hatte keine Angst. Es war doch mein Vater, der in diesem Haus wohnte, und kein Monster. Ich war 35 Jahre alt, besaß einen Beruf, Familie, Freunde. Eine erwachsene, lebendige und glückliche Frau. Genau das war ich! Eine Frau, die ihren Vater zum ersten Mal sehen würde!
Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich zwei war. Ich hatte meinen Vater seitdem nie getroffen. Aber er hatte mir auch nicht sehr gefehlt! Ich wuchs bei meinen Großeltern auf, und mein Opa, der sehr jung gewesen war, übernahm die Vaterrolle.
Meine Mutter arbeitete viel und lang, ich sah sie kaum. Als Kind entwickelte ich keine wirkliche Beziehung zu ihr, und als junges Mädchen stritten wir ständig. Jetzt konnten wir höflich miteinander umgehen, aber auch nicht für lange Zeit. Wir wären uns sehr ähnlich, behauptete mein Mann immer. Ich hoffte nicht. Sie wirkte immer so verbittert, ja beinahe zornig. Ich hatte stets das Gefühl, sie zu enttäuschen. In der Vergangenheit hatte ich sie immer wieder enttäuscht – mit Absicht, weil sie doch nichts anderes erwartete.

Aber das war alles vorbei. Es hatte nichts mit meiner momentanen Situation zu tun. Ich war hier, weil ich einfach meinen Vater kennenlernen wollte. Es gab keinen Grund, Angst vor irgendetwas zu haben.
„Ablehnung. Er will dich nicht. Er wollte dich nicht. Auch er nicht.“ Diese penetrante Stimme in meinem Kopf ist sehr nervtötend. Ich sollte sie einfach ignorieren. Besonders, wenn sie so einen Unsinn redete. Was hieß hier Ablehnung? Und wer lehnte mich außer ihm ab? Meine Mutter? Unsinn. Und noch mal Unsinn! Sie liebte mich. Ja, wir hatten unsere Probleme, aber wer hatte diese nicht? Sie lehnte mich nicht ab. Sie war zwar nie einverstanden mit allem, was ich tue, aber das war doch keine Ablehnung.
Und mein Vater? Er konnte mich doch gar nicht ablehnen. Ich war nun einmal da. Ich wollte nicht seine längst verlorene Tochter sein: Einfach nur hallo sagen, mit ihm sprechen, sehen, was er für ein Mensch war. Was sollte er schon machen? Mir die Tür vor der Nase zuschlagen? Das wäre doch gelacht!

Meine Mutter hatte nie schlecht über ihn gesprochen. Ihre Trennung hatte nichts mit mir zu tun. Sie passten nicht zusammen und trennten sich schnell, bevor sie sich jahrelang gegenseitig das Leben schwer machten. Das kam mir vernünftig vor. Ich spielte bei ihrer Trennung keine Rolle.
Wirklich? Und warum wollte er dich nie sehen? Ich wusste es nicht. Es war auch nicht mehr wichtig. Ich suchte keinen Vater. Ich war nur neugierig. Mein gutes Recht. Ich wollte nicht, dass er etwas für mich empfand. Ich erwartete gar nichts von ihm, nur ein Gespräch. Das war alles.
Lügen. Du belügst dich doch selbst. Du willst, dass er dich liebt, du willst, dass er in Tränen ausbricht, du willst, dass er all die Jahre wieder gutmacht. Aber das wird er nicht, und davor hast du Angst. Weil du die Wahrheit kennst.

Ich stand so abrupt auf, dass die Frau vom Nebentisch den Kopf von ihrem Buch hob und mich erschrocken anschaute. Meine Gesichtsfarbe verwandelte sich in ein kräftiges tomatenrot, weil ich dabei den Stuhl umgestoßen hatte. Ich lächelte ihr zu und faselte etwas über Zeit, die davon flog.
Sie lächelte zurück.
Wahrscheinlich denkt sie, da ist eine Verrückte unterwegs. Ich bezahlte, schenkte der Kellnerin noch ein Tomatenlächeln und verließ das Café.
„Wir gehen jetzt zu meinem Vater. Wir überqueren die Straße und klingeln an der Tür. Also los!“, sprach ich mit meinem Kopf, meinem Herz sowie meinen Füßen und verdoppelte meine Schritte.
Niemand erwiderte etwas.
Ich lief los. Aber in die andere Richtung.

(Shortstory von Despina Palaska, Niederkrüchten)

 


 

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Regina Maier: Der Tod des Einsiedlers

Pagliaccio zog Roberto gleich beiseite. „Sie richten ihn also hin“, sagte er, „und sie haben um ein kleines Gastspiel gebeten. Das wollen wir ihnen gewiss nicht vorenthalten.“
„Meister, diese Narren ermorden einen weisen Mann.“
„Halt den Mund! Mach auf der Stelle die Bühne fertig!“
„Wir müssen ihm helfen … Nein …, oh nein, die Bühne mach’ ich nicht fertig.“
„Diese Dörfler sind jetzt im Blutrausch, schau in ihre irren Gesichter! Stell dich nur dagegen, dann schmeißen sie dich auch ins Feuer.“
„Und du würdest immer noch für sie spielen?“
„Widerlicher, kleiner Querkopf! Willst du dich als Fremder ins Recht dieses Dorfes einmischen?“
„Willst du als Fremder ihr Gold begehren?“
„Vielleicht möchtest du in den nächsten Tagen Baumrinde fressen, wir haben nämlich überhaupt kein Geld mehr.“
Das Gesicht des Jungen war inzwischen aschfahl. „Ich ertrage es nicht, Rodrigo. Ich kann mir diese Hinrichtung nicht ansehen …, nur um des verfluchten Geldes wegen.“
„Ach, dir steht der Heiligenschein schon ausgesprochen gut. Renn zum Jammern in den Wald und kehre wieder, wenn alles vorüber ist! Ich werde spielen, und du wirst zuvor die Bühne errichten.“ Es bereitete ihm eine düstere Freude.

Zu gern wollte der Junge seiner Rolle des Dieners und Lehrlings entkommen. Wie sehr sträubte er sich dagegen, wie kämpften jetzt in ihm die Abscheu gegen das Tun des Meisters, der eigene Stolz und die Notwendigkeit des Gehorsams.
„Wenn du es nicht machst, bist du ein Abtrünniger“, versetzte Pagliaccio, „dann kannst du im Wald bleiben und dich vom Teufel holen lassen.“
Er warf einen Blick hinter sich, sah den Einsiedler, die schwarzgewandeten Gestalten mit ihrem Gold und Robertos Gesicht, der gerade in seiner eigenen Hölle schmorte. Ja, Roberto, eines weiß ich, es ist schwer nachzugeben, ohne umzufallen.

Plötzlich griff der Junge nach dem Halfter des Maultiers und führte es wortlos zu einem abgelegeneren Fleck auf dem Platze. Er begann, die Bühne zu errichten.

Inzwischen waren die Dörfler in lauernde Stille verfallen. Wieder stimmte der Einsiedler seine leise Melodie an, so rein und klar wie ein Gebet, das um ihn lag wie ein Schimmer. Ein Henker kam, dessen Gesicht von dieser gespenstischen Haube verdeckt war und beschmierte die Kleidung des Einsiedlers mit Pech.

Pagliaccio spürte einen Schauer den Rücken hinabrieseln. Diese Augen! Sie sahen dem Tod geradewegs ins Gesicht. Ja, sie waren abgründiger als der Tod, wohingegen sie den Henker gar nicht wahr zu nehmen schienen. Der Henker ist auch nicht der Tod, dachte Pagliaccio. Der Tod ist eine unsichtbare Kraft, er wirkt durch ein Lebewesen oder ein Element, und er kennt keinen Zufall. Irgendwann gibt jedes Wesen dem Tod sein Jawort, irgendwo an einem verborgenen Ort in der Seele. Doch wann sagen wir ja? Und warum?

Erst als der Henker den Reisighaufen mit der Fackel in Brand steckte, verzog sich das Gesicht des Einsiedlers vor Schrecken. Sein Lied vermischte sich plötzlich mit dem Knistern des Reisigs. Aus den unteren Zweigen stachen kleine Flammen hervor, die kaum sichtbar waren im grellen Sonnenlicht.

Doch Pagliaccio konnte sie riechen, und mit Entsetzen bemerkte er, wie plötzlich an sämtlichen Stellen in immer tieferen Orangetönen die Flammen nach oben stoben. In lautloser Hingabe stierten die Dorfbewohner auf den gefesselten Menschen und den unheimlichen Tanz des wachsenden Feuers. Wie nah es schon den Beinen war! Nichts mehr würde von diesem Wesen in den bunten Stofffetzen mit den alles erkennenden Augen und dieser klaren, dunklen Stimme übrig bleiben. Mit den Handflächen suchte er nach dem Schlag seines eigenen Herzens. Wie lebendig es sich anfühlte! Und dieser feste Körper zerfiel so schnell, wenn keine Seele mehr in ihm wohnte. Nichts mehr würde gleich sein bis auf Asche … Entsetzlich, das Sterben zu erleben! Wach zu sein, wenn der Körper verglühte, bevor die Seele ausgezogen war. Wo bei allen Geistern steckte Roberto? Im Wald? Geflohen? Würde er zurückkommen? Pagliaccio spürte eine brennende Angst. Dieser Mord hier war kein Spiel, auch nicht die Qualen des Einsiedlers, der sich mit weit aufgerissenen Augen wie ein Wurm in den Ketten wand. Hier war eine endgültige, brutale Wirklichkeit zu Gange. Eine Wirklichkeit, die ihn am Grund seiner Seele lähmte.

In diesem Moment zerriss ein furchtbarer Schrei seine Gedanken. Das Feuer begann, sich in den Körper des Einsiedlers zu fressen. Ein Zischen, der üble Geruch von brennendem Menschenfleisch. Wieso zog der Henker die Schraube nicht an? Wieder dieses fürchterliche Kreischen, nur noch keuchende Fragmente jener weisen Melodie. Töne wie vom Himmel stürzende, zerfetzte Krähen. Der Bürgermeister verfolgte das Schauspiel mit eisiger Miene.

„Bürgermeister“, rief Pagliaccio mit zitternder Stimme. „Der Henker! Er muss endlich die Schraube anziehen!“
„Das Feuer soll den Teufelsmenschen ganz und gar fressen“, gab der Bürgermeister unerbittlich zurück. „Es ist gefährlich, ihn schon jetzt zu erwürgen, seine Seele könnte zu rasch entfliehen. Das Feuer soll seinen Körper fressen und die Seele.“
„Die Seele ist doch unsterblich“, stieß Pagliaccio hervor. „Ihr werdet sie nicht erwischen, macht ein Ende, macht ein Ende!“
Der Bürgermeister schwieg.

Und Pagliaccio starrte in lähmender Machtlosigkeit auf die menschliche Fackel. Erst als der halb verkohlte Körper des Einsiedlers bewegungslos in den Ketten hin, zog der Henker die Schraube zu. Ein Quietschen, ein Krachen, als das Genick brach.
„Nun ist er ganz und gar tot“, röchelte der Bürgermeister. Sein Gesicht war ebenso fahl wie der Qualm des Feuers.

Verreck du nur bald!, fluchte Pagliaccio innerlich. Alle Götter mögen dich verrecken lassen!
Die Menge stand regungslos, als könne sie ihren Augen nicht trauen, dass der Teufelshexer gestorben war. Erst als das Feuer ganz um ihn emporloderte, als es ihn bedeckte wie ein rotes Tuch, brachen die Starrenden in krächzendes Geschrei aus.
Pagliaccio empfand eine beißende Übelkeit. „La commedia è finita“, hatte der alte Meister Petruccio immer gesagt, wenn der Vorhang fiel. Das Spiel ist aus.
Was war mit ihm selbst? Wartete jetzt nicht sein Schauspiel? Hatte er nicht darum gebuhlt mit seinen Verbeugungen, als man ihm die Goldstücke hinhielt? Hatte er sich nicht verbeugt wie ein dummer Affe, der Zucker fressen wollte? Sie schienen auf krankhafte Weise gierig nach Emotionen, wie die Vampire nach Blut. Oh nein, der Einsiedler hatte diesen Schrumpfköpfen keine Gefühle entgegengebracht. Weder lautes Flehen, noch rührselige Reden – wie ausgesprochen herzlos von ihm. „Mögen die Götter dich segnen und mich“, murmelte Pagliaccio. „Nun muss ich deine Steuer zahlen.“

Ihre hohlen Augen blickten erbarmungslos zu dem Platz jenseits der Richtstätte. Dorthin, wo der Garten der Schlange stand. Und wie eine Geisterlegion setzten sie sich auf einmal in Richtung Bühne in Bewegung.

Er hatte ihnen zu gehorchen.
Als er auf den Brettern seiner Bühne stand, wandten sich ihm die merkwürdigen Personen ganz zu. Pagliaccio spürte, wie ihn dieselbe Seelenfinsternis umfing. Ja, er kannte dieses Gefühl des Verschmelzens. Diesmal schien es ihm wie ein schwarzer, tiefer Sumpf. Und es war ihm, so fühlte er meistens vor einem Spiel, als schälte sich etwas aus ihm hervor, als kehrte sich sein Äußeres nach innen und sein Inneres nach außen. Er spürte seine tatsächliche Gestalt verschwinden, spürte, sich zu etwas werden, das nur noch zeigte. Vergessen breitete sich in ihm aus, Vergessen ob seiner selbst. Es war ein Gefühl, das ihn schweben ließ, welches ihn aus diesem schwarzen, tiefen Sumpf emporhob. Und mit einem Mal kannte er auch die Geschichte, die er diesen abscheulichen Gestalten zeigen wollte.

Ein Teil von ihm wurde zu einem Gnom. Einem biestigen, gedrungenen Zwerg, der ein scharfes Messer in der Hand hielt. Damit wollte er die Menschen hinterrücks abschlachten und sie hernach braten. Sein anderer Teil blieb der Spaßmacher. Der Spaßmacher wollte den Gnom mit einem Schmetterlingsnetz fangen, denn es war eine hohe Belohnung ausgesetzt. Das grässliche Geschöpf aber verstand es gut, sich immer wieder zu entwenden. Es hüpfte empor und sprang geifernd davon. Der Spaßmacher jagte den Gnom über Berge, in einem Boot über das Meer, und immer, wenn er ganz nahe dabei war, ihn zu erlegen, da stach der Gnom ihn mit dem spitzen Messer und entkam. Die Dörfler lachten rasselnd und rau. Sie keuchten, würgten, doch es war immerhin Gelächter. Und noch während des Spiels begriff Pagliaccio, dass der Gnom nur die tückische Krankheit sein konnte, die er gerade zu besiegen suchte. So hetzte er den Gnom, und der Gnom wurde immer schwächer, bis er ihn schließlich in dem Netz zusammenschnürte. Mit ausgebreiteten Armen kredenzte er den Dörflern das unsichtbare Paket. Sie brachen in schrilles Freudengeheul aus. Er war siegreich gewesen. War es jetzt nicht an der Zeit für seine Belohnung?

Zu seinem Erstaunen bewarfen sie ihn alsbald mit Münzen, dass er zurückweichen und sein Gesicht mit einer Maske schützen musste. Was glänzt da in der Sonne, dachte er noch ganz schwindelig von seinem Spiel. So golden wie die Tränen der Götter … Von einer plötzlichen Furcht um das Geld befallen (wer konnte diese Wahnsinnigen schon berechnen?), stürzte sich Pagliaccio zu Boden. Kniend in dem Münzregen raffte und raffte er, manchmal ganz panisch, wenn ihm eins der Goldstücke entkam. Ein Wahn hatte ihn befallen, dass nur, was in seiner Truhe lag, sicher war. Die Truhe gehörte ganz und gar ihm. Er merkte gar nicht, wie der Regen allmählich schwächer wurde. Zu sehr war er damit beschäftigt, all diese umherfliegenden und rollenden Göttertränen einzufangen. Und diese garstigen Dörfler wirkten recht vergnügt dabei, die Münzen kreuz und quer zu werfen, ihn zu hetzen und umherzutreiben. Zu einem Hund war er verkommen, es musste in der Tat lustig sein, einen menschlichen Hund zu beobachten. Aber das kümmerte ihn nicht. Er wollte das Geld.

(Auszug aus dem historischen Roman „Pagliaccio“ von Regina Maier, München)

 


 

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Peter Lohmann: Das Haifischsyndrom

Geld vermehrte sich nur dann von selbst, wenn es vorhanden war. Ansonsten wollte es gesucht und gefunden werden.
Diesem Zwang fühlten auch wir uns ausgeliefert. Wir lebten sorglos, doch mit vorausberechenbarem Liquiditätsende.
Das Haus bei Baden-Baden ließ mich nicht zur Ruhe kommen, blieb ein Thema. Instinkt, Gier und Langeweile gaukelten Illusionen vor, und wenn ich nicht gerade daran dachte, so brachte Rolf die Villa zur Sprache. Allein die Vorstellung, andere könnten uns diesen Job wegschnappen, versetzte uns in Unruhe. So war es lediglich eine Frage der Zeit und der Gelegenheit, gemeinsam aufzubrechen.

Schon zwei Tage lang beobachten wir das Haus. Tagsüber, nachts, wir ließen es keine Minute aus den Augen. Wir schliefen im Auto, rasierten uns im Auto oder an einem Bach in der Nähe, und wir verpflegten uns im Auto. Alle zwölf Stunden veränderten wir den Mercedes, inzwischen wieder von vorne bis hinten schwarz. Am Abend klebten wir Reklame für ein Elektrogeschäft drauf, morgens für eine Versicherung, und bald würden wir das Auto wechseln, eines klauen müssen. In dieser noblen Gegend fiel jede Kleinigkeit auf, die nicht hier hingehörte. Alle vorhandenen Nummernschilder hatten wir bereits verbraucht.
Stolz und irgendwie höhnisch stand das Haus auf dem Hügel, von Rasen umsäumt, eingezäunt mit Draht. Verlag Hauser, so stand es im Telefonbuch. Drei Menschen bewohnten die Villa, und zwei Bedienstete hatten eine kleine Dependance außerhalb des Zauns. Die große Frage lautete: Wann endlich würden zumindest die drei für mindestens eine, besser für zwei Stunden das Haus verlassen?
Wieder wurde es abends. Mit dem Tauchsieder kochte ich Kaffee und Dosensuppe.
Resigniert steckte Rolf das Fernglas weg. „Oben geht Licht an. Ich fürchte, auch heute gibt’s keine Chance.“
Dabei hatten wir uns extrem gut vorbereitet. Rolf hatte alles besorgt, was man brauchte, um herkömmliche oder drahtlose Alarmanlagen auszuloten und stillzulegen. Sein Eigenbau war auf dem neusten Stand, mit Computersimulationen geprüft und getestet.
„Wie lange können wir diese Warterei noch riskieren?“, fragte ich.
„Diese Nacht, vielleicht noch eine, länger auf keinen Fall“
„Und wenn wir kein Glück haben?“
„Dann suchen wir uns ganz schnell was anderes. Ich muss dir was sagen.“
Ich ahnte es schon. „Du willst endgültig aussteigen, stimmt’s?“
Er nickte. „Weißt du, so, wie die Dinge im Moment stehen – eine bessere Chance kriege ich nie wieder. Ich mag Marina, auf so etwas habe ich immer gewartet! Wie oft hast du während der Knastzeit von einer Frau geträumt? Ich fast jede Nacht! Und Marina gleicht meiner Traumfrau aufs Haar! Jetzt habe ich sie, dazu eine Bleibe, sogar ein Zuhause, eigentlich alles, was ich brauche und möchte. Ich suche mir einen stinknormalen Job, gehe auf Arbeit, verdiene Geld wie alle anderen. So leicht wie jetzt wird es nie wieder sein. Und ob du es glaubst oder nicht – wenn du ein Zuhause hast, einen festen Tagesablauf, dann kommst du mit viel, viel weniger Geld aus.“
„Dass Nichtstun der teuerste Zeitvertreib ist – ist nichts Neues. Aber reicht dir das? Kein Nervenkitzel mehr? Nie mehr in Schmuck für Hunderttausende wühlen? Nicht mehr tun und lassen können, was du willst? Kein Adrenalinstoß mehr? Und dazu eine Siebzehnjährige?“ Ich war skeptisch.
Rolf konterte. „Schau, wir sind beide nicht blöd, und trotzdem haben sie uns immer wieder am Arsch. Fast fünf Jahre habe ich im Knast verbracht. Das ist doch nicht das Gelbe vom Ei. In drei Monaten wird Marina achtzehn. Das klingt doch schon ganz anders.“
„Ich weiß nicht“, zweifelte ich, ohne auf Marina einzugehen. „Aussteigen ohne Kohle?“
„Um das zu ändern, sind wir ja hier. Übrigens, zur Warnung: sollte was schief gehen – diesmal schieße ich mir den Weg frei.“ Er klopfte auf seine Brusttasche, wo die Pistole steckte.
Ich nickte wortlos, die Zeiten wurden härter.

„Es tut sich was.“
Vor Langweile war ich eingenickt, zuckte hoch.
Tatsächlich, die Lichter im ersten Stock gingen aus, im Parterre ebenfalls, zwei Autos fuhren aus der Garage, und die Garagentür schloss automatisch.
Rolf nahm das Handy und rief an. Fünfmal klingelte es, dann meldete sich der Anrufbeantworter.
„Jetzt oder nie!“

Seit es Menschen gibt, die mehr besitzen als andere, existieren auch Diebe und Einbrecher. Die Besitzenden versuchen, das zu schützen, was ihnen gehört, vergittern ihre Fenster und Türen, bringen Schließen und Riegel an. Doch die Habenichtse ziehen immer wieder nach. Mit Intelligenz oder mit schierer Gewalt. So gut kann kein Schloss sein, dass es sich nicht knacken lässt, so dick kein Gitter, um einem Bolzenschneider zu widerstehen.
Nachdem die Besitzenden sich mehr und mehr armiert hatten, in einem Gefängnis lebten, die Außenwelt nur noch vergittert sahen und trotzdem nicht verschont geblieben sind, setzten sie auf eine neue Philosophie. Nicht das Eindringen ins Haus hieß es, unbedingt zu verhindern, sondern den unerwünschten Aufenthalt darin. Also installierte man die Alarmanlagen innen.
Der Sinn einer Alarmanlage besteht darin, dass sie Alarm schlägt. Aber nur dann, wenn der Hausherr oder die Hausfrau das möchte. Man macht sich die Technik zunutze. Einen Kontakt am Tür- oder am Fensterrahmen, einen an der Tür und am Fensterflügel. Berühren sich die Kontakte, fließt Strom durch, und alles ist in Butter. Wird ein Fenster oder eine Tür geöffnet, trennen sich die Kontakte, der Stromfluss wird unterbrochen und der Alarm ausgelöst. Solche Anlagen werden mit einem Schlüssel oder einem Code scharfgemacht und wieder stillgelegt. Findet man dieses Schloss, ist die Anlage keinen Pfifferling wert, Experten legen einfach die Elektrik lahm.
Aus Erfahrung klug geworden, lässt man die Verdrahtung nun weg und steuert die Anlage über Funk.
Das ist der Stand der Dinge. Ganz vorsichtige Hausherren kümmern sich nicht nur um Fenster oder Türen, sondern installieren zusätzlich noch Bewegungsmelder. Bewegt sich im Raum etwas, spricht der Sensor darauf an. Er kann Licht einschalten, Sirenen auslösen, automatisch die Polizei verständigen und so ziemlich alles, was ein sicherheitsbewusstes Hirn sich ausdenkt.
Alle Anlagen besitzen jedoch einen Knackpunkt: Sie müssen eine Möglichkeit haben, aktiviert und wieder ausgeschaltet zu werden. Von Hand oder mit Fernbedienung.

Eine der Personen hatte beim Verlassen eine Fernbedienung gedrückt.
Rolf nahm einen Kasten, nicht größer als ein Kofferradio.
„Die Alarmanlage im Haus ist jetzt scharf. Ich habe die Frequenz gescannt. Aber mein Sender ist viel, viel stärker. Ich decke jetzt die Frequenzen einfach ab. Die Anlage wird eingelullt.“
„Und das funktioniert?“ Technik war nicht mein Fachgebiet.
„Im Prinzip ja. Der ganze Ostblock hat früher mit dieser Methode die Westsender gestört. Aber das ist noch nicht alles.“ Er zeigte auf eine ganz normale Fernbedienung, wie sie zum Öffnen und Schließen einer Garage benutzt wird. „Der Sender für die Alarmanlage arbeitet auf 433,92 Megahertz. Meine Fernbedienungen für die Garage auch. Ich habe auf dieser Fernbedienung drei Knöpfe. Auf, zu und stopp. Jetzt überlege mal: Alle sind fort, die Anlage ist scharf. Ich habe gesehen, wie einer mit der Fernbedienung das Garagentor geschlossen hat. Was tun sie, wenn sie heimkommen? Sie öffnen mit der Fernbedienung die Garage. Und ich wette, damit wird auch die Alarmanlage entschärft.“
Ich hörte genau zu. „Was gibt es sonst noch für Stolpersteine?“
„Nun, es kann natürlich sein, dass wir nur bis in die Garage kommen, weil der misstrauische Hausherr überraschungen liebt, zur drahtlosen Anlage auch noch mechanische Melder installiert hat. Das erlebt man häufig bei Kellertüren, Waschküchen, Abstellräumen. Damit Insekten, Mäuse und Ratten nicht ungewollt Alarm auslösen. Es kann eine ganze Menge geben, was uns überraschen kann. Deshalb tust du ab jetzt haargenau das, was ich dir sage. Wie schnell kannst du laufen?“
Ich streichelte meinen glatten Bauch. „Zwölf Komma null auf hundert Meter. Mit Sirene im Rücken: Eins Komma null.“
Rolf schulterte den Matchsack, ich einen Rucksack. Da wir nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen wollten, hatten wir für alle denkbaren Eventualitäten vorgesorgt.
Rolf drückte einen Knopf. Tatsächlich öffnete sich die Garagentür.
Wie Soldaten robbten wir über die Wiese, auf das Haus zu. Trotzdem konnten wir den Scheinwerfern nicht ausweichen. Sollte wirklich noch jemand im Haus sein, würde er uns garantiert sehen.
Rolf bewegte sich wie eine Maschine, immer zwei Meter vor mir, meine Zunge schleifte schon nach halber Strecke über das Gras. Schließlich erreichten wir die Hauswand, standen im Lichtschatten.
Ich wollte ächzend fluchen, doch Rolf hielt den Finger vor den Mund. Wortlos schlichen wir am Haus entlang, einen Einstieg suchend. Auf der einen Seite stießen wir auf eine riesige Terrassentür, auf der anderen Seite auf zwei massive Haustüren. Wir huschten in die Garage, spähten umher. An der Wand hing ein kleiner Kasten mit Lämpchen und schwach blinkendem Rotlicht.
Ich deutete darauf. „Ist das die Schaltzentrale?“
Rolf zog die Nase hoch. Er traute dem Frieden nicht, der Kasten erschien ihm zu primitiv. Wie ein aufgescheuchter Fuchs kundschaftete er nach allen Seiten, verließ die Garage. Dann entdeckte er eine Treppe abwärts. Wir schlichen hinunter.
„Jetzt“, murmelte er, „tun wir so, als sei alles mehrfach gesichert!“ Er zeigte auf die Blechtür. „In diese Tür schneiden wir ein Loch. Groß genug, um hindurch zu schlüpfen. Gib mir die Bohrmaschine.“
Die batteriebetriebene Bohrmaschine surrte leise, als Rolf mehrere Löcher dicht nebeneinander in die Tür bohrte. So viele, bis er eine Blechschere mit großer Übersetzung einführen konnte. Verblüffend schnell schnitt er ein Rechteck aus, groß genug für uns, um durchzukriechen. Als wir in der Waschküche standen, untersuchte Rolf den Türstock.
„Da!“, konstatierte er grimmig und zeigte auf zwei graue Plättchen. „Reed-Kontakte! Arbeiten mit magnetischen Feldern. Ein Schubs an der Tür, und die Musik geht los. Wenn oben noch so eine Tür ist, dann gehe ich nach Hause.“
Die obere Tür bestand aus Eiche und stand offen.
Als Erstes entdeckte ich die Schaltzentrale der Alarmanlage. Beruhigend blinkte ein grünes Licht.
„Raffinierter Hund!“, murmelte Rolf, „das in der Garage ist ein Panikschalter. Hat nur einen einzigen Zweck: Sobald du daran fummelst, geht der Alarm los. Aber Halleluja, schau dir das an!“
Die Einrichtung stellte alles in den Schatten, was wir jemals gesehen hatten. Mahagoni und Teakholz dominierten den Raum, das einzige Gemauerte war der Kamin. Das Wohnzimmer war so groß wie ein komplettes Einfamilienhaus, im Jagdzimmer hingen ein präparierter Löwenkopf, ein Büffelkopf, ein Bärenkopf, hinter einer stählernen Gittertür lagerten Gewehre, in den Schubladen darunter die Okulare dazu. Der halbe Keller war als Weinkeller ausgebaut, bestückt mit allem, was gut und teuer war, klimatisiert, temperiert. Zwei Kühlhäuser, ein Gefrierhaus. Die zwei Gästezimmer barock, in jedem Bad ein Hot-Whirlpool aus rosa Marmor, das Schlafzimmer aus Tausend und eine Nacht, Baldachin, Teppiche, Bilder, Kleiderschränke zum Durchsteigen ins andere Zimmer. Nur das Arbeitszimmer elegant sachlich, funktionell.
Rolf fackelte nicht lange und zeigte auf die Glaslinsen in jeder Ecke. „Den elektronischen Zauber haben wir ausgetrickst. Bin ich nicht gut? Also los, lass den ganzen Quatsch liegen! Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir haben, es kann sein, dass es zu allem Überfluss noch Gemeinheiten gibt, an die wir gar nicht denken. Also alle Konzentration auf die Suche nach einem Safe!“
Wir suchten ihn dort, wo wir ihn vermuteten und ihn auch fanden: im Arbeitszimmer. Aber wir fanden nicht einen Safe, sondern gleich zwei.
Gar nicht groß kaschiert standen sie nebeneinander in Augenhöhe hinter der Tür. Möbeltresore, eigentlich mehr als Schutz gegen Feuer und Explosion gedacht, mit Halteschrauben an der Holzwand befestigt. Ein Tresor mit Zahlenkombinationsschloss und Schlüsselloch, der andere mit drei Zahlenkombinationsschlössern bestückt.
„Himmel, Arsch und alles dazu!“, fluchte Rolf. „Was soll ich mit zwei Safes? Was ist in welchem?“
„Weiß ich doch nicht! Entscheide dich für einen! Sollte die Zeit tatsächlich reichen, können wir den zweiten immer noch holen.“
„Welchen?“
„Den besseren.“
„Kriegst du ihn auf?“
„Nein, du.“
„Wieso immer ich?“ Er packte sein Werkzeug aus. „Auf deine Verantwortung.“
„Quatsch nicht, fang an!“
Rolf murmelte noch etliche Verwünschungen und machte sich an die Arbeit. Da ich dabei nichts helfen konnte, machte ich mich auf die Suche nach Geld, Schmuck und allem, was wertvoll, einsteckbar und verkäuflich erschien. Geld fand ich in der Schreibtischschublade, im Nachtkästchen, in der Küche. Zwei Fünfhunderter, einige Hunderter und Zehner. Den Schmuck ließ ich liegen, es war Modeschmuck, nicht wert, ihn mitzunehmen. Die guten Stücke lagen wohl im Safe. Aber in welchem? Ich sah ein paar schöne Damenuhren, Manschettenknöpfe, überlegte, ignorierte. Sicherheit zuerst!
Aus dem Funkgerät krachte es, Rolf war bei der Arbeit, und bei mir fingen die Magenschmerzen an. Ich organisierte eine Plane, mit der wahrscheinlich erlegtes Wild transportiert wurde, und brachte sie zu Rolf.
Es war ein massiver Möbeltresor, vierzig mal vierzig Zentimeter. Da es keine gemauerten Ziegel gab, sondern nur Holzwände, mit denen der Tresor irgendwo mit Schrauben verbunden und befestigt war, brach Rolf das Holz einfach weg. Er schwitzte, atmete heftig. Immer wieder knallte ein Stück Holz davon. Zwei Seiten hatte er bereits freigelegt.
Geduckt schlich ich von einem Fenster zum anderen, in der Außenbeleuchtung erkannte ich jede Mücke. Himmel, wie sollten wir hier je ungesehen wegkommen?
Wieder ein Knall, wieder fielen Brocken zu Boden, auf den Teppich.
„Gleich gehört der Bursche mir“, murmelte Rolf, „ein echter Knüller! Schätze, um die siebzig Kilo. Gib mir die Vakuumsauger. Hast du was zum Einwickeln?“
Eigentlich gedacht, um Glasscheiben zu transportieren, eignen sich Vakuumsauger auch, um kleine, aber schwere Lasten zu tragen.
Ich drängte zur Eile, wurde nervös. Irgendetwas stimmte hier nicht, ich ahnte es mit jeder Faser und wusste nicht, was es war. Das machte mich hektisch und hilflos zugleich.
Als Rolf mit der letzten Seite fertig war und den Safe aus dem Loch zog und ich dabei half, entdeckten wir gleichzeitig die Überraschung. Doch es war schon zu spät. Ein hauchdünnes Elektrokabel war am Safe befestigt und riss. Im gleichen Moment schrillte ohrenbetäubender Lärm, die Außenlichter fingen an, heftig zu blinken, und am Hausdach rotierte eine rote Lampe.
Ich beugte mich vor und presste die Hand auf den Magen. Mir war schlecht, mein Blutdruck sackte in den Keller. Rolf schüttelte mich energisch. „Los, zehn Minuten dauert es mindestens, bis die Streife hier ist. Mach schon!“, schrie er mich an, weil ich immer noch nicht reagierte und drückte mir den Matchsack in die Hand.
„Alles einsammeln! Ich nehme den Safe, du suchst das Werkzeug zusammen. Lass ja nichts zurück!“
Wie in Trance gehorchte ich. Stück für Stück packte ich ein, ohne Überlegung, rein mechanisch. Rolf schulterte die Plane mit dem Safe und wäre beinahe gestolpert, so schwer wog der Kasten. Er riss ein Fenster auf und wuchtete den Safe hinaus, warf ihn auf die Wiese. Wir nahmen die nächste Terrassentür, hasteten aus dem Haus, suchten den Safe, rannten und schleppten ihn über den hell erleuchteten Rasen, die irre Sirene im Genick, erkannten schon das Loch im Zaun, als Schüsse fielen und zwei Kugeln über uns hinweg zirpten.
„Das gibt es nicht!“, kreischte ich voller Entsetzen und legte noch einen Zahn zu, das rettende Loch im Blickfeld.
Wieder fielen Schüsse, noch näher.
Rolf war am Zaun, schob den Safe durch, wollte sich selbst durchzwängen, schrie plötzlich unterdrückt auf und fiel um.
Ich lag neben ihm, verblüfft und verstört, bis zu den Ohren voll mit ohnmächtigem Zorn.
„Der Kerl hat mich getroffen“, stöhnte Rolf und zeigte auf sein Knie. Ein Zentimeter darüber klaffte ein Loch in der Hose, das sich schwärzlich-rot verfärbte. „Der Kerl hat mich getroffen.“ Er war grenzenlos verblüfft.
Weitere Schüsse krachten.
Ich schaute mich um.
Am Haus huschte ein Schatten hin und her. Es erinnerte mich an einen Scherenschnitt. Die Figur eines Männchens mit einem Gewehr tanzte herum wie Rumpelstilzchen, an die Hauswand riesig vergrößert geworfen, die lockigen, abstehenden Haare gut erkennbar. Das Männchen brüllte gegen die Sirene an, hob das Gewehr und schoss wieder.
Das war zu viel für meine Nerven. Ich, der nie etwas von Waffen wissen wollte, riss die Mauser aus Rolfs Jacke, lud durch und leerte das gesamte Magazin.
Das Männchen blieb ruckartig stehen, für einige Sekunden verharrte es stocksteif, dann ließ es das Gewehr fallen und rannte unkontrolliert im Kreis.
Rolf versuchte, mühsam aufzustehen. Das rechte Bein war taub, als gehörte es ihm nicht, als wäre es gar nicht da.
Ich musste ihn stützen.
Das Auto parkte hundert Meter weiter weg. Der Schweiß zog Striemen über unsere Gesichter.
Rolf ließ sich auf den Rücksitz fallen, ich warf die Tür zu, wollte ans Steuer.
„Zurück!“ keifte Rolf. „Hol den Safe!“
„Du bist übergeschnappt! In Sekunden wimmelt es hier von Polizei.“
„Hol den Safe! Sonst hol ich ihn, und wenn ich kriechen muss.“
„Oh nein, oh nein, oh nein! Willst du unbedingt in den Knast?“ Ich war schon unterwegs, zum Zaun, packte die Plane, flog hin, fluchte unentwegt, schleifte ihn einfach durch das Gras. Als ich am Auto anlangte und den Safe in den Kofferraum gewuchtet hatte, hörte ich das laute Tatütata.

(Auszug aus dem Roman von Peter Lohmann, Staniz bei Straden – Austria)

 


 

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Jonathan Loewe: Herr Rurka. Der Elefantenmann

KAPITEL 51: Geliebte Konstanze

Am Samstag lag ich abends vor dem Fernseher und zappte ohne bestimmtes Ziel durch die einzelnen Kanäle. Es war kurz vor acht Uhr, und ich wartete auf die Tagesschau.
Die Lottozahlenziehung fand ich von Natur aus nicht so interessant, und deshalb schaute ich bei einigen anderen Sendern vorbei, in der Hoffnung, die zehn Minuten mit etwas Sehenswertem überbrücken zu können. Fehlanzeige. Es liefen überall nur langweilige oder volksverblödende Sendungen.
Wir hatten an dem Samstag einen Großteil unserer mit Gemüse bewirtschafteten Fläche umgegraben, mit Hand und Spaten, um daraus eine Rasenfläche zu machen. Die Hälfte, die wir insgesamt umpflügen wollten, hatten wir bereits geschafft und glatt geharkt. Gegen achtzehn Uhr waren sämtliche Kräfte aufgebraucht, uns tat der Rücken weh, Arme und Schultern. Nach einem heißen Bad aßen wir Pizza und tranken ein verdientes Bier dazu.
Meine Schwester fuhr mit ihrem Freund zu einer Geburtstagsfeier, meine Mutti legte sich ins Bett und wollte ein Buch zu Ende lesen. Ich nahm mir ein zweites Bier und hockte mich vor den Fernseher. Die Beine kamen aufs Sofa, in den Rücken steckte ich mir ein großes Kissen, trotzdem schaffte ich es manchmal kaum, die Fernbedienung zu heben, so weh taten mir alle Knochen.
Nachdem ich einige Sender erfolglos durchgezappt hatte (nicht alle), entschloss ich mich, über alle Schmerzen im Rücken hinweg zu sehen und mir noch ein Bier zu holen. Ich lief die Treppe hinunter in den Flur, ging in die Diele und von dort in den Keller, nahm mein Bier aus der Kiste und stiefelte den ganzen Weg wieder nach oben. Meine überlegung war: Ich hole mir jetzt ein Bier, es läuft sowieso nichts im Fernsehen, und dann brauche ich nachher nicht los – wenn vielleicht was Wichtiges oder Interessantes kommt; außerdem tun mir später die Knochen und Muskeln vielleicht noch mehr weh.
Als ich wieder oben auf dem Sofa lag, schnaufend und erschöpft, waren es nur noch zwei Minuten bis zwanzig Uhr. Hätte ich gewusst, dass ich das dritte Bier, das ich eben aus dem Keller geholt hatte, nie öffnen würde, hätte ich mir den Weg gespart. Wer es schließlich getrunken hat, und wann, weiß ich nicht, aber irgendwann war es weg.
Bei der dritten Meldung der Tagesschau, die Sendung lief noch keine fünf Minuten, traute ich meinen Ohren nicht. Es hörte sich so kurios und absurd an, dass einem ganz automatisch die Kinnlade nach unten klappte; man beugte sich von ganz allein nach vorn, um dem Geschehen näher zu sein, es besser hören und sehen zu können.
Dass ich ein großer John Irving-Fan bin, brauche ich nicht mehr zu erzählen, und dass ich seine Geschichten liebe und verschlinge, ist auch kein Geheimnis: Genau dieser John Irving tauchte plötzlich in der Tagesschau auf. Ich hatte ihn noch nie vorher gesehen und konnte mir bisher nicht so richtig vorstellen, wie er wohl aussah. Und jetzt zeigten sie nicht einfach nur ein Porträt von ihm, links hinter dem Nachrichtensprecher, sondern sogar bewegte Bilder, und dazu gab es eine kuriose Geschichte. Nebenbei schoss mir durch den Kopf: So was kann auch nur einem Schriftsteller passieren! Plötzlich wusste ich, und sicher viele andere seiner Leser auch, wo er immer die vielen verrückten Geschichten herbekam – sie fielen vom Himmel, direkt vor seine Füße. In diesem Fall allerdings landete die Geschichte nicht vor seinen Füßen, sondern auf dem Tisch vor ihm, wo er gerade ein Buch signierte. Die Geschichte krachte in Form einer jungen Frau, nicht vom Himmel, vielmehr vom Dach eines Hotels auf den Tisch vor ihm.
John Irving war zu Gast in Hamburg, um sein Buch „Zirkuskind“, das Anfang neunzehnhundertsiebenundneunzig auf den deutschen Markt kommen sollte, vorzustellen. Er war vorher schon in München, Stuttgart, Dortmund und Berlin gewesen, doch in Hamburg sollte seine Buchvorstellung ein vorläufiges Ende finden – in Form eines gebrochenen Armes, einer ausgekugelten Schulter und eines stark geprellten Knies.
Eine junge Frau – „Anfang zwanzig„, erzählte der Reporter – stürzte sich vom Dach des Hotels. Vor dem Gebäude gab John Irving nach einer Vorlesung aus seinem Werk in einem abgesperrten Bereich Autogramme und signierte Bücher. Die Lesung fand im Hotel, im Konferenzraum, statt, und es waren nur Journalisten und geladene Gäste dabei. Die Irving-Fans ließen sich davon nicht abhalten, trotzdem zum Hotel zu pilgern, um vielleicht von ihrem Idol einen Blick oder gar ein Autogramm zu erhaschen. Viele trugen ein Buch unterm Arm, ein älteres Werk von John Irving, in der Hoffnung, es signiert zu bekommen. Und nachdem die Veranstalter den Ansturm der Fans vor dem Hotel bemerkten, konnten sie John Irving dazu überreden, vor dem Hotel noch einige Autogramme zu verteilen als extra wirksamen Werbegag für sein neuestes Buch. Sehr schnell wurde ein Teil der Hotelzufahrt abgesperrt, ein Tisch und ein Stuhl sowie ein paar Bodyguards hingestellt, und die Chose konnte losgehen.
Auf dem Bildschirm, hinter dem Reporter vor Ort, drängte sich eine Vielzahl von Menschen, die scheinbar darauf warteten, dass ihnen das Schauspiel noch einmal geboten wurde. Aber, so wie der Reporter berichtete, musste wohl auch schon hoher Betrieb geherrscht haben, als der Arm und die Schulter von John Irving noch völlig intakt waren.
John Irving schrieb fleißig seinen Namen in Bücher, auf Zettel oder Rechnungen, nahm Lobeshymnen entgegen und schaute in strahlende Gesichter, denen er mit einem Lächeln begegnete. Dabei entging ihm, niemand merkte etwas – nicht einmal die Leute von Funk und Presse –, wie ein kleines Unheil, das auch hätte anders ausgehen können, auf ihn zuraste.
Als man die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren von Irving und dem zusammengebrochenen Tisch entfernte, steckte der Füllfederhalter, mit dem der Schriftsteller signiert hatte, in der rechten Wange der toten Frau, durchgebohrt bis zum Anschlag.
Der Arm vom John Irving, der den Füllfederhalter umklammert hatte, war nicht nur gebrochen, sondern auch völlig blutbeschmiert, genau wie ein Teil seines Hemdes und der Hose. In seinem schmerzverzerrten Gesicht prangten einige mehr oder minder große Blutspritzer.
Ich hätte am liebsten die Nachrichten zurückgespult, weil ich das Spektakel noch einmal sehen wollte, da ich es einfach nicht glauben konnte (nicht aus Sensationsgier).
Unter den Autogrammjägern befanden sich zwei Ärzte, die bei Irving und der Frau, die vom Himmel gefallen war, sowie bei dem fünfzehnjährigen Jungen, dessen Buch gerade signiert wurde und der deswegen unmittelbar vor John Irving stand, gleich Erste-Hilfe-Maßnahmen durchführten.
Allerdings kam für die junge Frau jede Hilfe zu spät, sie war schon tot, als sie den Tisch berührte. John Irving und der Jugendliche, er wurde von einem Fuß der Frau getroffen, waren nicht so lebensgefährlich verletzt, dass man von einem Segen und Wunder sprach, weil ausgerechnet zwei Ärzte anwesend waren.
Die junge Frau war Gast des Hotels gewesen. Sie hatte dieses Zimmer am Tag zuvor gebucht, war am Morgen der Buchlesung eingetroffen und in ihrem Zimmer verschwunden. Eine kleine Tasche und einen Rucksack hatte sie als Gepäck dabei.
Nachdem man herausfand, wer die tote Frau war, durchsuchte man ihr Hotelzimmer. Anfangs wurde ein Verbrechen nicht ausgeschlossen, sogar von einem Attentat auf John Irving war kurzzeitig die Rede, aber all diese Vermutungen zerschlugen sich rasch, denn man fand einen ausführlichen Abschiedsbrief, dessen Inhalt allerdings nicht veröffentlicht wurde. Außerdem entdeckte man absolut keine Hinweise oder Spuren, die auf ein Verbrechen hinwiesen.
Ich muss zugeben, ich war etwas amüsiert darüber. Die Treffsicherheit des Schicksals erschien mir unbegreiflich, dass ausgerechnet John Irving so etwas widerfahren musste, grenzte in meinen Augen an Hexerei, Ironie und irgendwie auch Hohn – manchen Menschen fallen die Dinge eben einfach in den Schoß. Und darüber musste ich schmunzeln.
Aber im Großen und Ganzen ging es mir trotzdem bei der Meldung nicht besonders gut. Und das lag nicht etwa am wirkenden Alkohol, an den schmerzenden Muskeln oder meiner Abgespanntheit. Nein. Vielmehr fühlte ich mich im Bauch komisch, unwohl und bedrückt. Irgendetwas … irgendein Gefühl hatte sich in mir festgesetzt, das ich nicht genau orten und deuten konnte. Ich verstand es nicht.
Dann klingelte das Telefon.
Im Fernsehen berichteten sie von dem Stuttgarter Vier-zu-zwei-Sieg und dass sie weiter mit einem Punkt Vorsprung die Tabellenführung behaupteten. Bochum – Dortmund eins zu null. Leverkusen – Rostock vier zu eins.
Beim zweiten Klingeln stellte ich den Ton aus.
Mit steifem Rücken und angeschwollenen Knien humpelte ich zum Telefon. Als ich abnahm, heulte Schwester Ina auf der anderen Seite. Sie schluchzte, schniefte und weinte, als ob ihr Opa oder Freund gestorben wäre. Ich befürchtete das Schlimmste, und nachdem ich eine Weile beruhigend auf sie eingeredet und sie nicht darauf reagiert hatte, schloss ich meinen Mund und sagte gar nichts mehr. Sie weinte immer weiter.
Nach einer Ewigkeit fragte sie mit zitternder und verweinter Stimme: „Bist du noch da?“
Ich brummte nur zustimmend, und Schwester Ina weinte weiter – sie konnte oder wollte nichts sagen.
Nach der zweiten Ewigkeit, es war bestimmt eine Viertelstunde vergangen, flüsterte sie in mein Ohr, Constanze wäre tot. Sie bemühte sich hörbar um Fassung, es rauschte und knisterte in der Leitung. Und genau wie eben bei der Nachricht von John Irving im Fernsehen konnte ich auch hier nicht glauben, was ich hörte. Sie musste es mir noch ein zweites und drittes Mal erzählen, bis ich den Sinn ihrer Worte kapierte.
Wir unterhielten uns über vier Stunden lang am Telefon (die Telekom hat sich nie dafür bedankt!), na ja, meistens heulten wir. Es dauerte so lange, weil ich nicht allein sein und mit jemandem reden wollte, und bei ihr war es ganz ähnlich. Oft sprachen wir gar nichts, sondern pressten einfach nur den Hörer ans Ohr und lauschten dem Atmen oder Schluchzen des anderen.
Zwischendurch fragte ich sie, wie Constanze gestorben wäre.
Schwester Ina schluchzte einmal auf und fragte: „Hast du heute schon Nachrichten gehört oder geguckt?“ Dann berichtete sie mir, was ich eben in den Achtuhrnachrichten gesehen hatte …

(Auszug aus dem Roman von Jonathan Loewe, Halle an der Saale)

 


 

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Regina Maier: Mord an Roberto

Pagliaccio kicherte leise. Ein gackernder Laut, der einfach aus ihm heraus kroch, und für einen Moment lang standen ihm die Haare zu Berge. Er hatte sich noch nie kichern hören. Nur Geisteskranke kicherten und Missgeburten, die über den Marktplatz tollten … Und wenn schon! Es ist auch wahnsinnig, was du vorhast. Es ist wahnsinnig! Du gehst nicht hinaus in die Nacht, um eine Schenke zu besuchen, um mit einer Hure zu vögeln … , oh nein, ganz und gar nicht … Dir wird warmes Blut ins Gesicht spritzen, mach dich darauf gefasst, damit du nicht schreist …, und denk daran, ihm den Mund zu zuhalten, der Tod hat es nicht immer eilig, vielleicht lässt er sich sogar Zeit … Eigentlich hätte ich es vorher an einem Straßenköter ausprobieren sollen. Mit stierendem Blick kramte er tief in seiner Manuskripttruhe und zog alsbald einen Dolch hervor. Die scharfe Klinge funkelte im Kerzenlicht, sie strahlte Macht aus und Bedrohung. Pagliaccio, von plötzlicher Ehrfurcht überkommen, hielt ihn empor wie der junge König Artus das Schwert Exkalibur. Ich aber bin dein Herr, und du kannst nur töten, wenn ich es will. Jener Dolch gehörte zu den kleinen Geschenken, die er sich ab und zu selbst bereitete. Der Griff bestand aus Holz, er zeigte eine Gestalt mit grimmigen, dämonischen Zügen und einem weisen schweigsamen Mund. Beim Kauf vor drei Jahren hatte ihn dieses Gesicht verzaubert. Er glaubte, dieser Mund würde sein Schweigen bewahren, selbst wenn die Figur zum Leben erwachte. Angeblich stammte das Stück aus Afrika. Als Geistesmensch wusste Pagliaccio nichts Praktisches mit dem Dolch zu beginnen und ließ ihn in der Truhe verschwinden. Weder Roberto noch die übrigen Drei konnten etwas von dessen Existenz ahnen! Und ebenso wenig konnten sie von seinem alten Kittel wissen, den er als Kleinod aufbewahrte. Er trug diesen Kittel auf der Fahrt nach Venedig, nachdem er seine Mutter erlöst hatte. Jetzt legte er diesen Kittel bereit.

Pagliaccio dachte nicht an das Kommende. Er wusste nur, dass es zu vollbringen war. In wenigen Stunden, wenn die Nacht endlich wie Pech über dem Platz der Spielleute lag. Er versuchte, sein ganzes Bewusstsein auf die Tat zu richten, auf jenen Moment, wenn er zustieß. Vergiss die Bilder von spritzendem Blut, von Robertos Händen, die sich wie irrsinnig um deinen Hals krallen … Es sind dumme Hirngespinste, die dich allerhöchstens verderben werden. Du darfst nicht zittern, keinen Fehler machen! Dein Blick, deine Gedanken dürfen nur noch das Ziel kennen. Du musst zur Schlange werden!

*

Es war ganz still bis auf den Ruf eines Nachtvogels. Geflatter, Fledermausflügel vor der hellen Mondsichel. Irgendwo, wahrscheinlich dort draußen im Moor, zirpten Grillen. Die Zelte der Spielleute standen dunkel und stumm, und Pagliaccios Schatten wanderte in dem der Dunkelheit zu Robertos Behausung.
Pagliaccio lauschte, kratzte leise an der Zeltwand. Keine Bewegung, kein Laut. Er kratzte nochmals, etwas deutlicher. Als sich wieder nichts regte, schob er vorsichtig den Zeltspalt beiseite und verhielt geduckt im Eingang. Es war viel zu finster da drin! Doch die Sterne gaben der Nacht genug Licht, und die Zeltwände waren nur aus dünnem Stoff. So wartete er, wagte dabei kaum, zu atmen, bis er sehen konnte. Er versuchte, die Energie im Zelt zu erfassen. War sie diffus oder war sie kompakt? War Roberto überhaupt da? Er kniff die Augen zusammen, öffnete sie in einem leichten Anflug von Panik. Um den Todgeweihten waberte ein bleiches Zwielicht.
Roberto lag auf dem Rücken. Irrsinnigerweise suchte ihn jetzt ein schlechtes Gewissen heim. Alles schien so einfach zu sein. Wo war der Haken? Stellte sich Roberto nur schlafend? Hatte er das Geräusch an der Zeltwand vernommen? Erwartete er ihn gar? Pagliaccio hielt den Dolch fest umklammert in dem alten Löcherkittel verborgen, spürte kalten Schweiß im Gesicht. Er zwang sich einen kleinen Schritt näher heran, beugte sich herab und fixierte die Züge des einstigen Lehrlings. Der Anblick versetzte ihm einen tiefen Stich. Es war das Gesicht eines Kindes. Schuldlos, wehrlos und engelhaft. Weil dein niederträchtiger Geist gerade auf Traumfahrt ist. Wo schwebt er? Sieht er? Pagliaccio fand, dass Roberto in den letzten Atemzügen seines Lebens schöner wirkte denn je. Du bist kein Kind!, kämpfte er gegen die klagende Stimme in seinem Kopf. Du bist nie ein Kind gewesen! Und seine Augen suchten nach der Stelle, wo das Herz des Jungen schlug.
Mit einem stummen, inneren Schrei griff er nach dem Dolch und stieß ihn in Robertos Brust. Es ist …, dachte er voll triumphalen Grauens, wie wenn man einen Apfel aufspießt. Ich habe … das Kernhaus getroffen. Roberto währenddessen krümmte sich zusammen, seine Hände fuhren zu dem Messer, doch noch ehe er schreien konnte, presste Pagliaccio ihm die Hand auf den Mund.
Roberto starrte ihn an, und er stierte in Robertos Augen. Sie schienen ihm jetzt gleißend hell. Er drückte ihm die Hand stärker auf den Mund, lehnte sich mit ganzer Kraft gegen seinen Körper, ohne den Blick von Robertos Gesicht wenden zu können. Und Roberto starrte … Ein entsetzliches, stummes Schreien. Ja, in diesen Augen war noch Leben. Viel zu viel Leben! „Stirb, Roberto“, flüsterte er heiser, „oh stirb endlich!“

Doch der hartnäckige Knabe, selbst im Erlöschen widerspenstig, wollte einfach nicht. Schrecken, Anklage und ein tiefer Fluch lagen in seinen Augen. Erst nach widerwärtig zähen Momenten ließ die Spannung nach, und er sackte zurück auf das Deckenlager. Röchelnd lag er unter ihm, sein Körper erzitterte ein letztes Mal, dann war es still.

Als Pagliaccio wieder einen Blick in sein Gesicht wagte, waren auch seine Augen finster.
Blut sickerte auf den Erdboden, und er spürte warmes Blut seinen Kittel durchdringen. Versunken in wirrer Gleichgültigkeit, betäubt vom Schrecken über die eigene Tat, blieb Pagliaccio an der Seite des Toten. Er empfand nichts, bereute nicht, er betrachtete nur noch. Robertos vom Entsetzen verzerrte Züge ruhten in dem fahlen Zwielicht. Wie wird dies alles aussehen, dachte er, wenn morgen die Sonne scheint. Nichts wird mehr sein, wie es gestern noch war.

Plötzlich durchdrang ein merkwürdiges Geräusch seine Gedanken. Dabei konnte es doch nur der Wind sein … Wind, der in den Bäumen … Pagliaccio erstarrte zunehmend. Dieses Säuseln klang so menschlich, fast wie ein klagendes Flüstern. Vielleicht war es wirklich nur der Wind, dem sich ein … dem sich dieses Flüstern bemischte: „Was hast du gemacht?“ Er war nicht mehr allein in dieser gottverlassenen Nacht! Pagliaccio spürte, dass jenseits der Zeltwand Wehmut herrschte, Trauer, Wut. Und diese schwärende Frage: Was hast du gemacht? Die Stimme verebbte, wurde zu einem erstickten Piepsen. Draußen der schwindende Schatten von einem wehenden Gewand. Existierte es wirklich? Die Nacht, ihre unberechenbaren Schatten, machten ihm Angst. In ihm selbst war es so dunkel. Wo war die Silhouette jetzt? Ein Trugbild seines von Furcht durchtränkten Geistes? Es durfte keine Silhouette geben! Pagliaccio lauerte geraume Zeit in einem Zustand der Lähmung. Er hörte nichts mehr, sah nichts mehr, alles blieb stumm und reglos. Und alles war stumm und reglos. Ich werde dich jetzt alleine lassen, Roberto …, dachte er zitternd, … morgen wird viel Trubel um dich her sein. Wie du es immer wolltest. Mit einer unsagbaren Angst vor der Finsternis schlich er in seine Behausung zurück.

(Auszug aus dem historischen Roman „Pagliaccio“ von Regina Maier, München)

 


 

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